Nimm ein Wort, schenk ihm ein Funkeln – und sofort öffnet sich ein Raum, in dem Sprache nicht nur beschreibt, sondern verhandelt. Warum trägt ausgerechnet dieses Zeichen die Wucht unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung? Weil Sprache Macht hat. Weil Sichtbarkeit kein Luxus ist, sondern ein Recht. Wer behauptet, gendergerechte Sprache sei „zu weit gegangen“, sollte sich fragen: Für wen eigentlich? Wer verliert etwas, wenn andere endlich gesehen werden? Oder zeigt der Stern nur, wohin wir sehen wollen – und wo wir lieber blinzeln? Führt eine gendergerechte Ausdrucksweise tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit, oder lediglich zu neuen Reibungspunkten? Dieser Artikel geht den Möglichkeiten und Grenzen sprachlicher Sichtbarkeit nach.
Als ich das Wort „Astronaut“ las, hatte ich sofort ein Bild vor Augen: groß, männlich, Raumanzug, dunkles Visier. Niemand hatte mir gesagt, dass dieser Astronaut ein Mann ist. Die Sprache reichte. Erst als ich den Satz weiterlas: „sie brachte das Raumschiff sicher zurück“, musste ich mein inneres Bild korrigieren. Vielleicht ging es dir auch gerade so als du eins der Wörter oben gelesen hast. Handwerker, Pilot, Astronaut, Beamter, sofort entstehen Bilder. Meist sind es männliche Figuren, gespeist aus Erzählungen, Medien und persönlichen Erfahrungen. Nicht, weil jemand es so festgelegt hätte, sondern weil Sprache diese Assoziationen leise mitliefert. Diese gedanklichen Abkürzungen sind kein individueller Fehler, sondern das Ergebnis sprachlicher Gewohnheiten. Bias entsteht oft dort, wo wir ihn am wenigsten vermuten.
Bevor über gendergerechte Sprache diskutiert werden kann, lohnt sich ein Blick auf die Grundlagen: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Gender“, „binär“ oder dem „generischen Maskulinum“ sprechen?
Zunächst zur Unterscheidung von biologischem Geschlecht (Sex) und sozialem Geschlecht (Gender). Das biologische Geschlecht bezieht sich auf körperliche Merkmale wie Chromosomen, Hormone oder primäre Geschlechtsorgane. In der medizinischen Praxis wird hier häufig zwischen „männlich“ und „weiblich“ unterschieden, wobei auch intergeschlechtliche Variationen existieren. Gender hingegen beschreibt die sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Rollen, Erwartungen und Identitäten, die mit Geschlecht verbunden sind. Es geht also darum, wie Menschen sich selbst verorten und wie sie von ihrer Umwelt wahrgenommen werden.
Der Begriff binär bezeichnet ein System, das nur zwei Kategorien kennt – in diesem Fall „männlich“ und „weiblich“. Viele gesellschaftliche Strukturen, darunter auch die deutsche Sprache, sind historisch binär aufgebaut. Dieses System wird jedoch der Vielfalt menschlicher Identitäten nicht vollständig gerecht, da sich nicht alle Menschen eindeutig oder dauerhaft einer dieser beiden Kategorien zuordnen.
An dieser Stelle kommt die Sprache ins Spiel. Im Deutschen ist es üblich, Personen- und Berufsbezeichnungen in der männlichen Form zu verwenden, wenn eine Gruppe gemischt oder das Geschlecht unbekannt ist, etwa bei „die Studenten“, „die Lehrer“ oder „der Astronaut“. Diese Form wird als generisches Maskulinum bezeichnet. „Generisch“ bedeutet hier, dass die männliche Form angeblich alle Geschlechter mitmeinen soll.
Sprachwissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass dieses Mitmeinen in der Praxis nur eingeschränkt funktioniert. Beim Lesen oder Hören maskuliner Formen entstehen überwiegend männliche Bilder im Kopf (Stahlberg et al., 2007). Das generische Maskulinum wirkt daher weniger neutral, als oft angenommen wird. Der Raum, den es öffnet, ist schmal beleuchtet – einige werden gesehen, andere bleiben im Halbschatten.
Gendergerechte Sprache versucht, diesem Effekt entgegenzuwirken. Sie umfasst verschiedene Strategien: Doppelnennungen („Astronautinnen und Astronauten“), neutrale Begriffe („Studierende“) oder Sonderzeichen wie den Stern (*), Doppelpunkt (:) oder Unterstrich (_), die auch Menschen jenseits der binären Geschlechterordnung sichtbar machen sollen. Diese Zeichen stehen symbolisch für Offenheit – für das, was sprachlich noch nicht eindeutig festgelegt ist.
Der kleine Stern wirkt dabei wie ein Orientierungspunkt im Text: Er unterbricht Gewohnheiten und macht aufmerksam darauf, dass Sprache nicht nur beschreibt, sondern strukturiert. Gerade für Einsteigerinnen und Einsteiger ist wichtig zu verstehen, dass es bei gendergerechter Sprache nicht primär um perfekte Formen geht, sondern um das Bewusstsein für sprachliche Wirkung.
Die Relevanz gendergerechter Sprache zeigt sich besonders deutlich in alltäglichen Kontexten wie Bildung, Beruf und Medien. Studien aus der Pädagogik belegen, dass Kinder sich eher mit Berufen identifizieren, wenn diese sprachlich inklusiv benannt werden. Wenn von „Ingenieuren“ gesprochen wird, fühlen sich Mädchen signifikant weniger angesprochen als bei der Form „Ingenieurinnen und Ingenieure“ oder neutralen Bezeichnungen (Vervecken & Hannover, 2015).
Auch im Arbeitskontext hat Sprache messbare Effekte. Stellenanzeigen, die ausschließlich maskuline Formen verwenden, werden seltener von Frauen und nicht-binären Personen als passend wahrgenommen. Genderneutrale oder inklusive Sprache erhöht dagegen die Bewerbungsbereitschaft und das Gefühl von Zugehörigkeit (Gaucher et al., 2011).
Medial fungiert der Stern wie ein kleines Leuchten im Text: Er macht darauf aufmerksam, dass gesellschaftliche Realität vielfältiger ist als ihre traditionellen Bezeichnungen. Gerade für trans- und nicht-binäre Personen kann sprachliche Anerkennung eine zentrale Rolle für das psychische Wohlbefinden spielen. Die Weltgesundheitsorganisation sowie verschiedene psychologische Fachverbände betonen, dass Anerkennung der Geschlechtsidentität – auch sprachlich – ein Schutzfaktor für mentale Gesundheit ist (APA, 2015).
Der Stern löst dabei keine Probleme allein. Aber er markiert einen Punkt, an dem Wahrnehmung kippen kann. Wie in der Astronomie sind es oft die kleinsten Lichtquellen, die neue Räume sichtbar machen.
Trotz dieser Befunde ist die Kritik an gendergerechter Sprache nicht unbegründet und sollte ernst genommen werden. Häufig genannte Einwände betreffen Lesefluss, Barrierefreiheit und soziale Spaltung. Tatsächlich zeigen Studien, dass komplexe Schreibweisen für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Sehbeeinträchtigungen problematisch sein können, insbesondere bei Screenreadern (DIN 33429, 2020).
Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass gendergerechte Sprache zur symbolischen Ersatzhandlung wird. Wenn Institutionen Sterne setzen, ohne strukturelle Ungleichheiten abzubauen, bleibt Inklusion oberflächlich. Sprache kann Türen öffnen, aber sie ersetzt keine politischen Maßnahmen, keine gerechte Bezahlung und keinen diskriminierungsfreien Zugang zu Bildung.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die soziale Dimension: Sprachwandel wird oft von akademischen Milieus getragen und kann als moralisierend wahrgenommen werden. Wer „falsch“ spricht, riskiert soziale Sanktionen. Hier zeigt sich eine Spannung zwischen emanzipatorischem Anspruch und realer Sprachpraxis. Ein Stern, der blenden soll, darf nicht zum Stolperstein werden.
Der Stern in der Sprache ist kein Allheilmittel, aber auch kein bloßes Ornament. Er zeigt an, dass Sprache in Bewegung ist – und mit ihr unsere Vorstellungen von Normalität. Ob gendergerechte Sprache zu mehr Gerechtigkeit führt, hängt nicht allein von ihrer Existenz ab, sondern davon, wie bewusst wir mit Sprache umgehen.
Sprache prägt das soziale Umfeld, in dem wir uns bewegen. Worte schaffen Bilder, setzen Grenzen oder öffnen Räume. Achtsamkeit in der Wortwahl bedeutet daher nicht, Regeln mechanisch zu befolgen, sondern sich der Wirkung des eigenen Sprechens bewusst zu sein. Wer spricht, gestaltet mit – oft ohne es zu merken.
Gleichzeitig bleibt Sprache etwas Persönliches. Ein respektvoller Umgang mit Vielfalt schließt ein, dass Menschen ihre Ausdrucksweise so wählen dürfen, wie sie sich für sie stimmig anfühlt. Sprachliche Sensibilität verliert ihren emanzipatorischen Charakter, wenn sie zu Zwang wird. Der Stern soll einladen, nicht vorschreiben.
Vielleicht liegt die eigentliche Kraft dieses kleinen Zeichens darin, uns kurz innehalten zu lassen: Wohin richten wir unseren Blick? Wen denken wir mit – und wen übersehen wir? Sprache kann das Umfeld verändern, aber nur dann, wenn wir bereit sind, Verantwortung für sie zu übernehmen, ohne einander sprachlich festzunageln. Manchmal genügt schon dieses Innehalten, um den Raum zwischen den Sternen neu wahrzunehmen.